Kleine Wälder - große Wirkung? – DW – 25.05.2021 (2024)

Öko-Unternehmer Shubhendu Sharma ist überzeugtvon den Vorzügen seiner "Tiny Forests", seiner Mini-Wälder für die Stadt:Sie wüchsen zehnmal schneller, seien 30-mal dichter und 100-mal biodiverser als ein herkömmlicher Wald, so präsentierte er seine Methode 2014 seinem Publikum im einem TED-Talk. Seitdem hat seine Firma Afforestt schon 138 Mini-Wälder in zehn Ländern auf der ganzen Welt gepflanzt.

Inspiriert wurde Shubhendu Sharma vom japanischen Ökologen Akira Miyawaki. Er pflanzte als erster kleineverdichtete Stadtwälder auf degradierten Böden. Angelegt in der Nähe von Häusern, Schulen oder Fabriken, bedeckten sie gerade mal eine Fläche von sechs Parkplätzen und waren so dicht, dass sie nicht einmal betreten werden konnten.

"Wenn Sie ein karges Stück Land sehen - betrachten Sie es als potenziellen Wald", lautet Sharmas Motto.

Gedeihen Tiny Forests in Europa?

Mittlerweile sprießen solche Mini-Waldoasen in ganz Europa. Für ihre Fans sind sie der Schlüssel zur Rettung der Flora und Fauna in den Städten. Sie lockten Vögel und Insektenan, und trügen als CO2-Senke zur Erreichung der Klimaziele bei, so die Argumente.

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Der belgische Biologe Nicolas de Brabandere stieß auf Sharmas Arbeit, als er nach einer Lösung suchte, wie man Ökosysteme regenerieren und Arbeitsplätze schaffen könnte.

Nach einem Besuch bei Sharma in Indien, bei dem er dessen Technik erlernte, pflanzte er 2016 seinen ersten Stadtwald und hat inzwischen ein eigenes Unternehmen gegründet, das urbane Wälder in Belgien und Frankreich anlegt.

Eine der ersten großen Herausforderungen sei die Anpassung der Miyawaki-Methode an die völlig anders gearteten Bodenbedingungen, Arten und das Klima in Europa gewesen, berichtet de Brabandere. "Baumarten, die hier schon immer gewachsen sind, sind eher in der Lage, gut zu gedeihen und sich an den Klimawandel anzupassen", so der Biologe. "Also habe ich mich mit Wissenschaftlern und Baumschulen in Verbindung gesetzt, um geeignete einheimische Baumarten und regionale Materialien zu finden, um den Boden zu verbessern." So pflanzte er Arten wie Traubeneiche, Linde, Wildapfel und Birne.

Auch in Deutschland hat die Idee Anklang gefunden. Hier wurde im März 2020 in Brandenburg der erste Mini-Wald gepflanzt. Mit 700 Quadratmetern ist der "Wald der Vielfalt" einer der größeren Exemplare und beherbergt 33 heimische Baumarten, vor allem Ahorn, Buche, Eiche, Esche und Linde. Aber werden Tiny Forests dem Hype gerecht?

Erste Erkenntnisse über die Wirkung der Mini-Wälder

Daan Bleichrodt arbeitet für die niederländische Organisation IVN, die Menschen mit der Natur verbinden will. Er war von Sharmas Geschichte ebenfalls beeindruckt und adaptierte die Methode, um 2015 den ersten niederländischen Mini-Wald in Zaandam zu pflanzen und damit eine Bewegung in Gang zu setzen, aus der seitdem 126 Tiny Forests hervorgegangen sind.

IVN hat neben dem Tiny Forest in Zaandam auch einen "Kontrollwald" gepflanzt, der einer natürlicheren Wachstumsmethode folgt: Er besteht aus Hecken und Beerenpflanzen, um Vögel anzulocken, die dann die Samen verbreiten. Nach ein paar Jahren hofft man feststellen zu können, welchen Einfluss Mini-Wälder auf die Luft- und Bodenqualität und die Artenvielfalt haben, und ob sie den Wärmeinseleffekt in den Städten eindämmen können.

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Forscher der Universität Wageningen in den Niederlanden sammeln Daten über den Kontrollwald in Zaandam sowie über zehn weitere Tiny Forests im Land, alle zwischen 200 und 250 Quadratmeter groß.

"Insgesamt sind die Ergebnisse vielversprechend", sagt Fabrice Ottburg, Umweltforscher an der Universität Wageningen. "Wir verzeichnen bisher 934 verschiedene Pflanzen- und Tierarten, über sechsMillionen Liter Regenwasser haben sich im Forschungszeitraum angesammelt, und wir messen eine niedrigere Temperatur innerhalb der Wälder im Vergleich zur gepflasterten Stadt."

Obwohl die Ergebnisse zwischen den Projekten variieren, fanden die Forscher heraus, dassein 200 Quadratmeter großer Tiny Forest 250 Kilogramm CO2 pro Jahr binden kann. So viel CO2 wird laut Angaben der Wissenschaftler etwa auf einer Autofahrt von Amsterdam nach Barcelona ausgestoßen.

Drohtein Rückgang der Artenvielfalt?

Noch sind Europas Tiny Forests alle relativ jung. Kritische Stimmen, wie die niederländische Landschaftsarchitektin Tinka Chabot, bezweifeln, dass sie auf Dauer gedeihen.Ein Problem, auf das Chabot hinweist: Der Platzmangel könnte möglicherweise zu einer Konkurrenz zwischen den Arten führen, was auf Dauer einen Rückgang der zu Beginn sehr hohen Artenvielfalt zur Folge hätte.

"Wir beobachten, dass viele niedrige Sträucher und Kräuter nach drei Jahren allmählich verschwinden", erzählt Umweltforscher Ottburg. "Das ist aber in jedem Ökosystem der Fall. Solange die Tiny Forests wachsen, sterben ab und zu auch Bäume ab und machen dann wieder Platz für niedrigere Sträucher."

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In Japan, wo die Bewegung länger etabliert ist, hat man herausgefunden, dass auf lange Sicht die Böden und weniger die klimatischen Bedingungen über den Erfolg der Wälder bestimmen.

Tiny Forests sind kein Wundermittel, gibt auch Ottburg zu. Seiner Ansicht nach können sie aber als eines von mehreren Elementen dabei helfen, die Städte grüner zu machen und langfristig mehr Pflanzen und Tiere anzulocken.

"In dicht besiedelten Städten kann es schwierig sein, Platz für einen neuen großen Park zu finden, oft ist es einfacher, viele kleinere aber zusammenhängende Naturräume zu schaffen, einschließlich der Tiny Forests, aber auch grüner Dächer und naturbelassener Flussufer", so Ottburg.

Bäume für das Wohlbefinden

Immer mehr Untersuchungen befassen sich auch mit den positiven Auswirkungen, die ein Aufenthalt in der Natur auf die Gesundheit von Stadtbewohnern hat.

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Im letzten Jahr fanden Wissenschaftler heraus, dass von 9751 Einwohnern in der deutschen Stadt Leipzig diejenigen, die im Umkreis von 100 Metern von Straßenbäumen lebten, seltener Antidepressiva einnahmen.

Mehr Wohlbefinden für Stadtbewohner - unter diesem Schwerpunkte hat die Umweltorganisation Earthwatch Europe im März 2020 den ersten Tiny Forest in Großbritannien angelegt. Inzwischen sind 16 weitere dazugekommen.

Die Organisation bindet die örtlichen Gemeinden mit in die Bepflanzung, Pflege und Überwachung der Wälder ein und nutzt Umfragebögen, um ihren Effekt auszuwerten. Innerhalb der Wälder wird Platz geschaffen, um Besuche von Schulen und Organisationen zu ermöglichen. "Menschen in Mini-Wälder zu bringen, bringt sie der Natur und ihren Nachbarn wieder näher", berichtet Bethany Pudifoot, Forscherin bei Earthwatch Europe.

"Wir kennen die Namen von Bäumen und Vögeln nicht mehr und wissen wenig über ihre Lebensräume", bestätigt der belgische Biologe de Brabandere. In den sozialen Medien teilt er regelmäßig Informationen über die urbanen Wälder, in der Hoffnung, dass mehr Wissen über sie ihr Gedeihen sichert.

"Ich stelle fest, dass viele verzweifelt nach einer praktischen Möglichkeit suchen, den Klimawandel zu bekämpfen und sich mit der Natur zu verbinden. Urbane Wälder bieten genau das", sagte er. "Für mich sind sie mehr als alles andere ein Ort, an dem Menschen die Vögel singen und die Insekten summen hören können."

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